Gedicht: Innehalten, von Rainer Maria Rilke

Innehalten

von Rainer Maria Rilke

Man muss den Dingen die eigene, ungestörte Entwicklung lassen,
die tief vom Innern kommen muss
und durch nichts gedrängt oder beschleunigt werden kann.

Alles ist austragen und dann gebären…

Reifen wie der Baum,
der seine Säfte nicht drängt
und getrost in den Stürmen des Frühlings steht,
ohne die Angst, dass dahinter kein Frühling kommen könnte.

Er kommt doch.

Aber er kommt nur zu den Geduldigen,
die da sind,
als ob die Ewigkeit vor ihnen läge,
so sorglos still und weit.

Man muss Geduld haben gegen das Ungelöste im Herzen
und versuchen, die Fragen selbst lieb zu haben,
wie verschlossene Stuben und wie Bücher,
die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind.

Es handelt sich darum, alles zu leben.

Wenn man die Fragen lebt,
lebt man vielleicht allmählich,
ohne es zu merken eines fremden Tages
in die Antwort hinein.

Hier endet das Gedicht.

Wunderschön! Dies ist mein zweites Lieblingsgedicht (mein erstes Lieblingsgedicht ist hier zu finden).

Was sind Eure Lieblingsgedichte? Einfach in den Kommentar schreiben.

Ich habe mich darin versucht, das Gedicht ins Englische zu übersetzen. Hier das Ergebnis:

Inward reflection

by Rainer Maria Rilke

One has to leave things to their own development,
which has to come from deep within
and can not be pushed or accelerated through anything.

That is, carrying and then giving birth…

Growing like the tree,
which doesn’t hurry its juices
and stands still during the spring’s storms,
without fear the spring might not follow.

But it will come.

But it only comes to the patient,
those that remain,
as if eternity lies before them,
free of worries, still and open.

One has to have patience for the unresolved things in the heart
and try to love the open questions themselves,
as if they were locked studies, as if they were books,
written in a very foreign language.

It’s about living everything.

If one lives the questions,
one might, gradually,
without realising, one day,
live in the answer.

The poem ends here.

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